Jetzt hast Du Zeit geni­al zu wer­den

Die mensch­li­chen Fähig­kei­ten kann man allein schon als geni­al bezeich­nen, wenn man sie mit unse­ren tie­ri­schen Ver­wand­ten ver­gleicht. Die­je­ni­gen, die zudem ein Musik­in­stru­ment spie­len oder sin­gen kön­nen, sind erst recht Genies — zumin­dest ist es unglaub­lich, was wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en, zu Tage brin­gen: Bei kei­ner ande­ren Tätig­keit lau­fen gleich­zei­tig so vie­le Hirn­area­le auf Hoch­tou­ren, wie beim prak­ti­schen Musi­zie­ren. Kein Wun­der, denn Musi­zier­ten erfor­dert Kon­zen­tra­ti­on, Koor­di­na­ti­on von ver­schie­dens­ten Kör­per­tei­len, kogni­ti­ve, audi­tive und hap­ti­sche Fähig­kei­ten, Fein­mo­to­rik, Fein­ge­fühl, Reak­ti­ons­ver­mö­gen, Schnel­lig­keit, hohe Emo­tio­na­li­tät und die Fähig­keit sich mit ande­ren Men­schen zu syn­chro­ni­sie­ren. Alles gleich­zei­tig und inner­halb weni­ger Sekun­den. Gemes­sen an die­sen Höchst­leis­tun­gen sind die Grund­vor­aus­set­zun­gen wie Dis­zi­plin, Durch­hal­te­ver­mö­gen, Sozi­al­kom­pe­tenz und emo­tio­na­le Intel­li­genz, die auch zum Musi­zie­ren Gehö­ren, schon fast als Klei­nig­kei­ten zu betrach­ten.

In der Tat scheint die Fähig­keit des Men­schen musi­zie­ren zu kön­nen als uner­klär­lich, hoch­kom­plex oder ein­fach: wun­der­bar. Des­we­gen war die Musik seit Men­schen­ge­den­ken immer zen­tral, wenn es um geist­li­che, mys­ti­sche oder gött­li­che Ritua­le ging. Eben um das Über­mensch­li­che.

Also sind alle jun­gen und alten Musi­ker, die schon ein paar Jah­re musi­zie­ren Genies? Ja, und das könn­te man sogar sehen, wenn man ins Gehirn gucken könn­te. Denn dort lässt sich beob­ach­ten und mes­sen, dass die Gehirn­rin­de inten­siv arbei­tet, sich die grau­en Zel­len mit zuneh­men­der Musik­pra­xis ver­meh­ren und der Cor­pus cal­lo­s­um, das ist die Ver­bin­dung der bei­den Gehirn­hälf­ten, sich nach ein paar Jah­ren ver­grö­ßert.

Dann aber gibt es noch die, die unter all die­sen musi­ka­li­schen Genies noch­mals her­aus­ste­chen, weil bei ihnen eini­ge musi­ka­li­sche Fähig­kei­ten noch bes­ser aus­ge­prägt sind, als bei den nor­ma­len Musi­kern. Das sind dann, die­je­ni­gen, die auch von den Musi­kern — die ja eh schon Genies sind — noch bewun­dert und ver­ehrt wer­den. So z.B. Beet­ho­ven oder Mozart.

Die wur­den viel­fach als Wun­der­kin­der bezeich­net. Ja, Mozart und Beet­ho­ven wur­den von ihren Vätern regel­recht als Wun­der­kin­der „ver­mark­tet“. Der Vater von Beet­ho­ven hat­te sogar das Alter von Lud­wig absicht­lich falsch ange­ge­ben, damit er als Wun­der­kind noch jün­ger dastand, als er eigent­lich war. Wenn man in die Ver­gan­gen­heit schaut, so scheint sie von Genies zu wim­meln: Ein­stein, Goe­the, Schil­ler, Mozart, Beet­ho­ven, Leo­nar­do da Vin­ci und ande­re. Aber wer ist denn heu­te ein Genie?

Der bekann­te Lern­psy­cho­lo­ge Prof. Dr. Anders Erics­son ver­tritt die The­se, dass Talent und Genie über­schätzt wird, und dass über­durch­schnitt­li­che Talen­te allein daher rüh­ren, wie früh, wie inten­siv und wie lan­ge jemand eine bestimm­te Fähig­keit trai­niert. Dabei stell­te er in den 90er Jah­re die 10.000er Regel auf. Die­se besagt, dass man 10.000 Stun­den inves­tie­ren muss, um eine über­durch­schnitt­li­che Fähig­keit zu erlan­gen.

Am Bei­spiel eines Kin­des wür­de dies bedeu­ten, ein sechs­jäh­ri­ges Kind übt jeden Tag eine Stun­de, ab dem 10. Lebens­jahr pro Tag zwei Stun­den und ab dem 14. Lebens­jahr drei Stun­den und im 18. Lebens­jahr vier Stun­den pro Tag. Das hat­ten Beet­ho­ven und Mozart locker geschafft. Wahr­schein­lich hat­ten sie bis sogar die dop­pel­te oder drei­fa­che Anzahl von Übungs­stun­den absol­viert. Aber sie hat­ten auch die Zeit dazu: Sie gin­gen näm­lich nicht zur Schu­le. Unser Schul­sys­tem zwängt den Nor­mal­schü­ler in ein Kor­sett von vor­ge­schrie­be­nen Stun­den­plä­nen, Vor­schrif­ten und Rege­lun­gen, sodass er die 10.000er Regel in kei­ner Dis­zi­plin, ob Musik, Tanz, Lite­ra­tur, Wis­sen­schaft, Sport oder Thea­ter erfüll­ten könn­te, auch wenn er woll­te.

Das könn­te die Ant­wort dar­auf sein, war­um es im 18. Jahr­hun­dert, als die Welt­be­völ­ke­rung gera­de mal 100 Mil­lio­nen Men­schen aus mach­te, so vie­le Genies gab und heu­te, wo es 10-mal mehr Men­schen auf der Welt gibt, anschei­nend nicht 10-mal mehr Genies unter uns leben.

Die Men­schen sind nicht weni­ger geni­al als vor 250 Jah­ren, sie haben ledig­lich kei­ne Zeit mehr, um geni­al zu wer­den.